Dienstag, 3. Juni 2014

Urs Siegenthaler möchte nicht über Fußball reden

Bald ist WM! Eine Erregung von Ener Çiram


Urs Siegenthaler spricht, ohne was zu sagen - eine Interviewanalyse ohne Wenn und Aber, aber mit vielen Ohs, Oders und Obs 

In der Frankfurter Rundschau gab DFB-Chefscout Urs Siegenthaler all sein Geheimwissen preis; seine Expertisen liegen aber nach eigenen Angaben noch in der Schublade. Schon vor WM-Beginn sind sie fertig, scheint es. Ob er weiß, dass England jüngst in einem 4-5-1 testete? 

Wobei man das vielleicht ohnehin nicht wissen muss. Man habe schon alle Gegner bis zum Viertelfinale voranalysiert, sagt Siegenthaler nicht ohne Stolz. Das ist löblich, insbesondere die möglichen Halbfinalgegner werden sich freuen. 

Ob man darum so gerne im Halbfinale ausscheidet?

Aber natürlich ist die Taktik ohnehin nicht so wichtig. Entscheidend ist, wer Kraft hat. Doch wie spart man sich diese in der brennenden Hitze? Ballbesitzfußball ist für Siegenthaler keine Option; da müsse man sich ja bewegen, um sich ständig anzubieten. 

Beim Verteidigen und im Pressing hingegen reicht es bekanntlich, in die Luft zu kucken und stehen zu bleiben. Ob sich die DFB-Elf schon im Testspiel gegen Kamerun teilweise an Siegenthalers Vorgaben orientierte? Spanien schlottern bereits die Knie. Werden sie bei dieser WM wie erwartet nach drei Titeln in Folge ihrem Ballbesitzfußball körperlich Tribut zollen? 

Es wird nämlich entscheidend sein, dass die Europäer ihre Spielweise nicht beibehalten.

Siegenthalers Analyse der bisherigen Weltmeisterschaften (seit 1970) hat ergeben, dass sich Europäer in Südamerika schwertun. Datengrundlage: Die WM 1978 in Argentinien. Und das war’s.

Bei der WM 1978 kam jedoch nur eine europäische Mannschaft ins Finale, nur zwei ins Halbfinale und nur fünf (von acht) in die Finalrunde - ein katastrophales Abschneiden. 

Aber gut, wenn Siegenthaler in Geographie so gut ist wie in seinem Job, hat er Mexiko wohl noch zu Südamerika gezählt. 1970 waren es nur vier von acht Mannschaften im Viertelfinale (2/4 im Halbfinale, 1/2 im Finale) und 1986 wieder nur fünf von acht Mannschaften im Viertelfinale (3/4 im Halbfinale, 1/2 im Finale). Er-bärm-lich. Diese Europäer. Haha. 

Zumindest hat Siegenthaler aber ein schönes Konzept namens "Ballprogression" entworfen. Ballfortschritt also. Heißt, dass man den Ball nach vorne spielen soll, wenn man ihn hat. Damit lässt sich natürlich nicht in Ballbesitz entspannen, da hat Herr Siegenthaler selbstverständlich Recht. Da treffen zwei unvereinbare Konzepte aufeinander. Hinten laufen lassen und entspannen kann man unmöglich mit einzelnen guten Angriffen abwechseln.

Ach ja, wann brechen die Spanier eigentlich ein? 

Anmerkung: Schade, dass Siegenthaler keinen Unterschied zwischen einem Angriff mit Ball und einer tiefen Ballzirkulation in der eigenen Hälfte kennt, bei der die Innenverteidiger weit auffächern und mit dem Torwart sowie den Sechsern und tiefen Außenverteidigern den Ball entweder zirkulieren oder den Gegner nach vorne locken. Geschenkt, es ist ja nicht so, als ob er der deutsche Chefscout wäre und das wissen müsste. Oh! 

Seine Aussagen zum Gegenpressing lesen sich übrigens ebenso interessant. Starke Gegner, sagt Siegenthaler, können sich also aus dem Gegenpressing lösen. Deswegen ist Gegenpressing riskant ist. 

Gut, dass der BVB, das Real Madrid, das Bayern München, der FC Barcelona von 2008 bis heute oder eben Atlético Madrid in der Champions League nur auf Kanonenfutter trafen - diese naiven Dödel, haha. 

Gegenpressing gegen spielstarke Gegner, haha. 

Jeder weiß doch, dass sich Topmannschaften direkt nach der Balleroberung in engen Räumen total einfach gegen zwei bis drei Mann durchsetzen können, aber sich in die Hose machen, wenn man nicht gegenpresst und ihnen Raum gewährt. Haha. Wie naiv. 

So geht es weiter. 

Siegenthalers Meinung zu Brasilien ist beinahe fast so interessant wie seine zum Gegenpressing. Die Brasilianer spielen also mit einem 4-2-4? "Hinten eine Vierer-Abwehr, vorne vier Stürmer und zwei Mann im Mittelfeld – so ähnlich wie früher im Feldhandball", meint Urs Siegenthaler. 

Das verwundert, sprechen doch auch der brasilianische Trainer und die bisherigen Partien eher von einem 4-2-3-1 und häufig einem 4-3-3. Kein Problem! Brasilien kommt erst nach dem Viertelfinale, oder? Dann muss man die nicht analysiert haben.

Wichtig ist, dass man mit der Zeit (und nicht mit einer Idee, haha, wo kämen wir da hin, wenn man innovativ wäre) geht. So Siegenthalers Meinung wörtlich. 

Vielleicht lässt sie sich auch auf andere Aspekte erweitern: Wenn Halbfinalzeit ist, dann analysiert man Halbfinalgegner. Nicht davor. Ähnliches mit der Spielzeit und Einwechslungen. Man benötigt laut Siegenthaler immerhin Einwechselspieler, die das Niveau nochmals heben. Ob Spieler, die das Niveau im Vergleich zur Stammmannschaft nochmals heben, nicht vielleicht lieber von Anfang an spielen sollten, wird leider nicht beantwortet.

Wichtig für Siegenthaler: Die anderen Mannschaften dürfen nicht davonlaufen!

Also taktisch und generell in der Entwicklung. Beinahe, sagt Siegenthaler, hätte man da bestimmte Entwicklungen der "ganz großen Mannschaften" verschlafen. Meint er das Gegenressing? Haha, kleiner Scherz am Rande. Gegenpressing auf Toplevel, haha. Herrlich. Haha, Tränen in den Augen.

Keine Witze mehr: Man muss ja mit der Zeit gehen, in diesem Fall nicht weniger als ein Eingeständnis der eigenen Ideenlosigkeit! Ideen? Haben die anderen Nationen! Standards? Neue Standards? Werden nicht von Deutschland gesetzt!  Man rennt hinterher. Möglichst schnell sollte man sie adaptieren. 

Vielleicht sind andere Länder langsamer! Dann reicht es wieder zum Halbfinale. Oder?

Doch Halt! Was genau tut sich denn? So lautet die sofortige Nachfrage von FR-Redakteur Müller, dessen Fragen kompetenter wirken als die Antworten. Meist!

Denn diesmal ist Antwort brillant: Siegenthaler möchte nicht über Fußball reden!  

Gut, tat er bislang eigentlich auch nicht. Man muss mit der Zeit gehen, da sind andere Sportarten eben voraus. 

Cristiano Ronaldo zum Beispiel läuft gerne vorne herum und zwar direkt in Umschaltsituationen; das ist noch nie dagewesen. 15mal macht er das pro Spiel? Und wieso?!? Weil er defensiv nicht mithilft, nicht gegenpresst, nicht presst und vorne wartet. Das ist genial. Wie soll man das bitte aufhalten? 

Der taucht überall auf, da müsste man ja schon die Pässe zu ihm unterbinden. Doch das ist gegen „große Mannschaften“ bekanntlich unmgölich, haha, Gegenpressing, da haben Klopp und Guardiola die Entwicklung verschlafen. „Ideen“, haha. 

Kurz darauf das nächste Schmankerl – ich zitiere: 

Frage: Tun Sie keineswegs, Herr Siegenthaler. Vor vier Jahren haben Sie noch gesagt, Spanien sei der Ideal-Fußball, nach dem auch die deutsche Mannschaft trachte. Ist Spanien jetzt nicht mehr der Ideal-Fußball? 
Antwort: Die Antwort können Sie sich auch selbst geben. Schauen Sie in die europäischen Finals: Real Madrid und Atletico Madrid im Champions League-Finale, Sevilla Sieger im Europa League-Finale, Barcelona spanischer Vize-Meister.

Ganz ehrlich? Was soll das? Ich verstehe die Antwort nicht! Spielen Real, Atlético, Sevilla und Barcelona alle den gleichen Fußball? Dann verstehe ich es. Doch dann stellt sich die nächste Frage: Was macht Siegenthaler den ganzen Tag?  Zehn Mannschaften bei der WM, offensichtlich kein Klubfußball. Was macht Siegenthaler den ganzen Tag? 

Die Zweifel zerstreuen sich. Siegenthaler packt danach seine gesamte Expertise aus der Schublade, analysiert korrekt, dass viele Innenverteidiger körperlich stark sind, Brasilien unter Druck steht, Portugal gegen Deutschland ein gutes Spiel wird, das Ausland eine ungenauere Berichterstattung über die DFB-Elf hat, dass das Konzept einer falsche Neun existiert und – wichtig – dass die Stimmung nach dem ersten WM-Spiel besser sein wird. 

Und das wird sie. Bis zum Halbfinale. Oder?

Kommentare:

  1. Ich wusste beim lesen ein paar mal nicht ob ich weinen oder lachen soll, das ist richtig gut!!

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  2. Wenig unterhaltsames Standard-Bashing ohne irgend einen sinnvollen Informationsgehalt. Gähn.

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  3. Werden hier die Texte vor der Veröffentlichung lektoriert? Ist ja furchtbar ...

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  4. Bleiben Sie bitte auf Spiegel Online

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